Zehn Jahre Schuldnerberatung in Waldbröl

Ein starkes Team: Die vier Sozialarbeiterinnen Kristina Schüttler, Julia Schröder-Koch, Anette Weber(Leiterin) und Belma Haderic-Müller beraten ver-und überschuldete Klienten.

Ein starkes Team: Die vier Sozialarbeiterinnen Kristina Schüttler, Julia Schröder-Koch, Anette Weber(Leiterin) und Belma Haderic-Müller beraten ver-und überschuldete Klienten.

Donnerstag, 31.03.2011 - 23:36 Uhr

Das Beratungsteam sieht Tränen, Wut und Verzweiflung – aber auch viele positive Entwicklungen. Am 1. April vor zehn Jahren nahm die Schuldnerberatungsstelle der Diakonie in Waldbröl ihre Arbeit auf. Grund genug, die wachsende erfolgreiche Arbeit in Wort, Bild und Ton vorzustellen.

Als Sozialarbeiterin Anette Weber ihre Arbeit in der am 1. April 2001 eröffneten Schuldnerberatungsstelle der Diakonie An der Agger begann, war dieses Angebot der Diakonie in Oberberg kaum bekannt: „Anfangs war alle Arbeit schon am Vormittag erledigt“, erinnert sich die Leiterin der Beratungsstelle.

Von Arbeitsmangel kann heute keine Rede mehr sein. Eine stetig steigende Zahl von Klienten hat in den letzten zehn Jahren in der Schuldnerberatungsstelle und Hilfe gesucht und gefunden. Allein im letzten Jahr gab es mit 414 laufenden Beratungen wieder mehr Beratungsfälle als im Vorjahr. Mittlerweile teilt sich ein Team aus vier Sozialarbeiterinnen, mit 2, 2 Stellen die Arbeit. Die Nachfrage ist so groß, dass zum Bedauern von Anette Weber, Belma Haderic-Müller, Kristina Schüttler und Julia Schröder Koch sogar Wartelisten geführt werden müssen. Aber in Notfällen, wie bei der Mittfünfzigerin, die vor wenigen Tagen morgens schon kurz nach acht verzweifelt vor der Beratungsstelle in der Scharnhorststraße stand, weil ihr Konto gesperrt worden war, gibt es auch kurzfristig einen Notfall- Termin zur Erstberatung.

Wirkung und Ursachen von Überschuldung

„Viele Klienten haben nicht nur Existenzängste und finanzielle Probleme, sondern leiden auch großen psychischen Druck, bis hinzu zu psychosomatischen Beschwerden und sozialem Rückzug“, berichtet Beraterin Kristina Schüttler. Oft könne schon die Aufklärung über die Möglichkeiten des neu eingeführten Pfändungsschutzkontos, mit dem ein pfändungsfreier Mindestbetrag gesichert wird, für ein erstes Aufatmen sorgen. Weit verbreitet sei auch die Meinung, es lohne sich gar nicht, eine Arbeitsstelle anzutreten, da ja sowieso alles zur Schuldentilgung gepfändet werde. Auch hier sorgt Aufklärung über die Rechtslage nicht selten für neue Motivation.

In Oberberg sind rund 15. 000 Haushalte mit etwa 30.000 Menschen überschuldet: Sie können Kredite nicht zurückzahlen, Raten nicht begleichen, die Miete oder den Strom nicht zahlen. Sie leben mit Gehaltspfändungen, der Angst vor dem Gerichtsvollzieher oder ziehen sich aus Scham von sozialen Kontakten zurück. Zwar liegt die Schuldnerquote im Oberbergischen Kreis mit 9 Prozent im Vergleich zum „Spitzenreiter“ Oberhausen mit 19,37 Prozent auf vergleichsweise niedrigem Niveau, aber die Folgen sind für die Betroffenen gravierend: Sozialer Abstieg, Zukunftsangst, psycho-somatische Erkrankungen, innerfamiliäre Konflikte, Zwangsvollstreckungen und Pfändungen lassen sie oft den Lebensmut verlieren oder den Kopf in den Sand stecken.

Die Ursachen der Überschuldung liegen nach der Erfahrung der Beraterinnen häufig in Arbeitslosigkeit, Trennung und Scheidung, oder dem Tod des Hauptverdieners. Nicht selten resultiert die Überschuldung auch aus mangelhafter Haushaltsführung oder einer übersteigerten Konsumorientierung und zu hohen aufgenommen Krediten.

Wendepunkte

„Wir sehen hier viel Verzweiflung, Wut und Traurigkeit. Überschuldung ist ein biographisches Ereignis. Viele Menschen stecken seit fünf bis zehn Jahren im Schuldenkreislauf“, berichtet Anette Weber. Viele Klienten kommen während der Beratung an die wunden Stellen und Wendepunkte ihres Lebens: Eine geplatzte Bürgschaft oder die Pro-Forma Übernahme eines Gewerbes für den Ehepartner, eine Scheidung, der zu hohe Kredit, ausgebliebene Unterhaltszahlungen, der abgerissene Kontakt zu den Kindern. Da sei es gut, dass die Schuldnerberatung in das Netzwerk der Beratungsangebote im Kirchenkreis eingebunden sei, so Anette Weber. So arbeitet die Schuldnerberatungsstelle z.B. mit der Beratungsstelle für Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensfragen des Kirchenkreises zusammen und hält Kontakt mit den Kirchengemeinden vor Ort.

Klären, Vermitteln, Beraten

Im Rahmen der Beratung klären die Mitarbeiterinnen die Klienten über ihre gesetzlichen Rechte auf. Sie helfen, einen genauen Überblick über die finanzielle Lage zu gewinnen. Als Vermittlerinnen zwischen Schuldnern und Gläubigern verhandeln sie mit Gläubigern über eine sinnvolle Ratenzahlungen oder sie helfen dabei, einen Antrag auf die 1999 eingeführte Privatinsolvenz zu stellen. So wird Klienten unter genauen Auflagen nach sechs Jahren der Neustart in ein schuldenfreies Leben ermöglicht. „Das Gefühl Unterstützung zu bekommen, tut den Klienten gut. Und es ist einfacher, mit den Gläubiger zu verhandeln, wenn die wissen, dass es Kontakt zur Beratungsstelle gibt“, so Kristina Schüttler. Immer wieder erlebt sie, dass Menschen nach der zeitintensiven Beratung kaum wieder zu erkennen sind: „Viele fassen wieder Mut und Selbstvertrauen“.

Finanzierung  der Arbeit sichern

Zehn Jahre Schuldnerberatung, das heißt für das Team der Beratungsstelle nicht nur Rückblick auf gesetzliche Neuerungen wie Privatinsolvenz oder Pfändungsschutzkonto, die sich als Hilfen für überschuldete Klienten erwiesen haben. Zehn Jahre Schuldnerberatung wecken bei Leiterin Anette Weber auch die Erinnerung an das Beinahe-Aus der Schuldnerberatungsstelle im Jahr 2004. Damals war die Finanzierung durch den Kirchenkreis nicht gesichert. Nur eine Solidaritätsaktion der Mitarbeitenden im Kreiskirchenamt, die auf einen Teil ihres Weihnachtsgeldes verzichteten, sicherte damals die Weiterarbeit. Aufgrund einer gesetzlichen Neuregelung im Zuge der Hartz IV Reform wird die Arbeit der Beratungsstelle seit 2005 vom Oberbergischen Kreis mitfinanziert - im letzten Jahr mit 125.000 Euro Auch der Sparkassen- und GiroVerband kommt seiner gesetzlichen Verpflichtung zur Unterstützung der Schuldnerberatungsstellen nach. In diesem Jahr bekamen die vier oberbergischen Schuldnerberatungsstellen von Diakonie, Caritas und AWO jeweils ca. 11.000 Euro.

Geburtstagswunsch

Angesichts des großen Bedarfs an Beratung und der Notwendigkeit von intensiver Präventionsarbeit an Schulen hat Anette Weber dennoch einen „Geburtstagswunsch“ zum Zehnjährigen: „Ein Cent Abgabe pro Handyvertrag könnte helfen, die Schuldnerberatungsstellen bundesweit besser aufzustellen“. Dies ist auch seit Jahren eine Anregung der bundesweiten Aktionsgemeinschaft der Schuldnerberatungsstellen. Obwohl sich im Bereich der Schuldnerberatung im Oberbergischen Kreis in den letzten Jahren bereits viel getan hat, wäre ein weiterer Ausbau der Stellen wünschenswert, da z.B. immer noch zuwenig Prävention angeboten werden kann. Gerade dies kann aber langfristig Überschuldung verhindern.

Kontakt:
Schuldnerberatungsstelle Waldbröl
Diakonisches Werk des Ev. Kirchenkreises An der Agger
Scharnhorststr.2
51545 Waldbröl
Tel.: 02291-808716
Fax:  02291-808720

 

Weiterführende Informationen:

https://www.ekagger.de/de/diakonie/schuldner-und-insolvenzberatung/

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