Stadtspaziergang "Auf den Spuren der Industriegeschichte Waldbröls"

  

Wir beginnen unseren Rundgang an der Stadtbücherei und gehen, nachdem wir die Kaiserstraße überquert haben, über die Scharnhorststraße in Richtung Amt für Agrarordnung (Oststraße).

Im sog. Kaisersaal in der Hahnenstraße (heute steht dort das Tanzzentrum) hatte der Fabrikant Karl Barth 1920 eine Produktionsstätte zur Herstellung von Lederwaren, vorrangig für das Militär, errichtet.

Sein Betriebsleiter Karl Böcker sowie dessen Bruder Gustav, bei Barth als Werkmeister tätig, gründeten später eigene Lederwarenbetriebe: Karl Böcker in Nachbarschaft des „Kulturamtes„ (heute Amt für Agrarordnung) Viele Jahre befand sich hier der PETZ-Markt.

Unser Weg führt weiter über Hoch- und Alte Rathausstraße zu einem weiteren Ort Waldbröler Geschichte: dem Haus Hartmann, vielen noch bekannt als gediegenes Geschäft für Glas-, Porzellan- und Haushaltswaren.

Um die Jahrhundertwende hatte die Firma Gustav Hartmann, neben der Heil- und Pflegeanstalt, damit begonnen, mit Dampfgeneratoren elektrischen Strom zu erzeugen: eine wichtige Voraussetzung für die beginnende Industrialisierung Waldbröls vor der flächendeckenden Versorgung des Ortes durch das Kreiselektrizitätswerk bzw. später RWE.

Interessanterweise wandelten sich auch andere Lederbetriebe bzw. Gerbereien in den 60er Jahren in Supermärkte: die Gerberei Schuhmacher im Bereich Brölbahnstraße/Raabeweg in das spätere EKZ, heute EXTRA- Markt, eine weitere Gerberei Schuhmacher am Marktplatz in den GLOBUS-Markt (an dieser Stelle heute der Petz-/Kressner-Neubau).

Gustav Böcker begründete 1931 einen eigenen Betrieb zur Herstellung von Lederwaren für die Fotoindustrie in der Vennstraße (das Gebäude steht heute noch), wohin wir uns nun begeben.

Die Venn- und die Bahnhofstraße entlang gehen wir weiter in Richtung ehemalige Kofferfabrik Barth (Deichmann-Parkplatz). Zum Zeitpunkt der Festlegung unserer Route (Oktober 2003) ist das mit Akzenten des Bauhausstils im Jahre 1928 errichtete Barth-Gebäude (siehe Titelbild) gerade abgerissen worden. Sein Bau war notwendig geworden, da Karl und sein 1924 in die Firma eingetretener Bruder Siegfried Barth ungeahnten Erfolg mit der Herstellung ziviler Lederwaren hatten. So wurde Waldbröl allmählich neben Offenbach eine Hochburg der Branche in Deutschland mit zeitweilig bis zu 300 Mitarbeitern. Bis 1985 waren hier Reiseartikel aller Art produziert worden, die Marke „Berggold“ erreichte einen hohen Bekanntheitsgrad bis ins Ausland.

Über das traurige Schicksal dieses das Stadtbild mit prägende Gebäude ist jahrelang sinniert worden: Investoren kamen und zogen sich wieder zurück, die Idee einer „Kulturfabrik“ als kommunalem Bürger- und Kulturzentrum war wegen der Haushaltslage der Stadt eher utopisch.

Die Idee, nach Entkernung des Gebäudes unter Erhaltung der architektonisch ansprechenden Fassade hier ein Einkaufszentrum zu errichten, konnte ebenfalls nicht realisiert werden. Inzwischen (Januar 2004) ist auf dem ehemaligen Barth-Gelände ein neuer Einkaufskomplex (Norma u.a.) fertiggestellt.

Ein ähnliches Schicksal hatte die viele Jahre in Waldbröl ansässige Molkerei: Mitte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurden ihre Produktionsanlagen abgerissen. Ggeplant, jedoch nicht realisiert, war an dieser Stelle der Neubau des Amtsgerichts Waldbröl. Ein ehemaliges Wohn-/ Verwaltungsgebäude der Molkerei erinnert an die ehemals großflächige Anlage.

Wir gehen nun auf der linken Seite der Kaiserstraße weiter in Richtung Boxberg. Dort, wo sich heute der neue Fahrradladen befindet, begründete der Ingenieur Wilhelm Stiebel Anfang der 50er Jahre die Betriebsstätte der Stiebel Getriebe- und Pumpenbau. Zum Betrieb gehörte eine Tankstelle mit Reparaturwerkstatt, bis vor kurzem die ARAL- Tankstelle , heute Orlen. (Siehe Simon 16, 1988, S. 27)

Schräg gegenüber, heute ist hier der IB tätig, sehen wir einen Gebäudekomplex mit mehrfach wechselnder Nutzung: 1954 begründete Karl Schneider im zuvor neu errichteten Gebäude eine weitere Produktionsstätte für Lederwaren. Dieser löste die Firma bereits 1960 aus Altersgründen auf.

Der Kleiderfabrikant Bernhard Meyer übernahm das Gebäude, in dem bis in die 90er Jahre Hosen, vor allem für Großkunden wie Versandhäuser, gefertigt wurden. (Siehe Simon 18, S. 32) Vorübergehend hatte die Firma Meyer in Waldbröl einen weiteren Standort im Bereich des ehemaligen Sägewerks Pampus zwischen Turnerstraße und Herrmann-Löns-Weg. Vor allem durch Verlagerung der Produktion ins Ausland aufgrund niedrigerer Lohnkosten verlor Waldbröl diesen wichtigen Betrieb der Textilindustrie.

Über die Boxbergbrücke gelangen wir in die Wiehler Straße. Auf der rechten Seite sehen wir die 1960 erbaute, markante Industriehalle der ehemaligen Projahn-Werke, dem seinerzeit größten Industriebetrieb Waldbröls. 1965, kurz vor dem beginnenden Niedergang der Firma, beschäftigte Projahn etwa 800 Mitarbeiter.

Sein Begründer, Curt Projahn, hatte bereits 1940 in einer kleinen Werkstatt damit begonnen, Heizungsradiatoren zu produzieren. Im Sommer 1965 wurde die Firma von der Ideal-Standard GmbH, Bonn, erworben, die den Standort Waldbröl Mitte der 70er Jahre schlossen, was fatale Folgen für den Arbeitsmarkt der Region Waldbröl hatte. Nach einigen Jahren Leerstand haben sich neben der Firma Selkirk Metallschornsteine einige kleinere Gewerbebetriebe angesiedelt. Die große Halle diente zwischenzeitlich als Autoverwertungsbetrieb.
Gleichzeitig mit dem Bau der Halle waren auch Werkswohnungen errichtet worden die Projahnsiedlung (Curt-Projahn-Weg), die wir uns nun anschauen.

Unser Weg führt uns weiter in den unteren Bereich des Industriegebietes Boxberg I. Ende 1969 konnten als erste Betriebe die Firmen Stiebel-Getriebebau und Huwil aus Ruppichteroth mit dem Produktionsbereich Ladenbau mit der Errichtung neuer Produktionsstätten beginnen. Auch diesen Standorten blieb das Schicksal der Schließung nicht erspart. Der schräg gegenüber liegende Gebäudekomplex der Fa. Giacomini Opal- Armaturen , seit 1973 dort ansässig, ist bereits ein Nicht-Produktionsbetrieb von relativ großem Ausmaß. Vom Standort Waldbröl aus werden Heizungsarmaturen des in Italien beheimateten Herstellers weiter vertrieben.

Über die Industriestraße gelangen wir zurück in die Wiehler Straße. Diese überqueren wir im Bereich der neuen Sanitärartikelfirma und Opel Simon, um einen Blick über das Gewerbegebiet Hagebau / Bergerhoff / Plus / McDonalds zu werfen. Es stellt unter Einbeziehung der beiden gegenüberliegenden Betriebe ein typisches Beispiel neuerlicher Mischgebiete dar, in dem sich Handel, Handwerk und Gastronomie ansiedeln.

Ihren Ursprung hatte der heutige Cronrath Hagebaumarkt in der Ziegelei, deren Überreste hinter dem Areal zu sehen sind.

Die Homburger Straße führt uns nun nach etwa 500 Metern zur kleinen Gewerbeanlage der Familie Koch. Seinen Ursprung hatte dieser Standort im Sägewerk Pampus, das gegen Ende des 19.Jhds. einer der größten Holz verarbeitenden Betriebe in unserer Region war. In den neueren Gebäuden siedelten sich, stets nur für einige Jahre, u.a. die Firmen Selkirk Metalbestos und Hosen Meyer an. Über die Kreuz- und die Bahnhofstraße gelangen wir, vorbei am alten Bahnhof, über den in die Gerdesstraße führenden Fußweg zurück zum Ausgangspunkt unserer Wanderung.

Nicht unerwähnt bleiben sollen die gigantischen Pläne Robert Leys. Als Reichsorganisationsleiter der NSDAP und Chef der „Deutschen Arbeitsfront„ gehörte der aus Niederbreidenbach (Gemeinde Nümbrecht) stammende Ley zu den Größen des NS-Regimes. Spuren seiner von Größenwahn geprägten Pläne für die „Stadt der Volkstraktorenwerke„ findet man heute noch in der so genannten „Mauer„, die als Teil einer geplanten „Adolf-Hitler-Schule„ noch kurz vor Kriegsbeginn errichtet werden konnte.
Als Standort des geplanten Werkes (Volkstraktorenwerk analog zum Volkswagenwerk in Wolfsburg) war ein riesiges Areal im Bereich der Ortschaft Ruh vorgesehen.

 

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Nümbrechter Str. 21, 51545 Waldbröl
Telefon 02291-85-0

Stadtbücherei Waldbröl
Kaisterstraße 82, 51545 Waldbröl

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